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Emissionsarme Verlegewerkstoffe: Kennzeichnung und Nachweis

DIN und Regelwerke Batuhan Özbek, Bauingenieur (B.Sc.)

Der Fußboden ist die größte zusammenhängende Fläche eines Raums, und unter dem Belag liegen mehrere organisch gebundene Schichten in dünner, aber flächiger Verteilung. Damit ist der Bodenaufbau eine der wesentlichen Quellen flüchtiger Verbindungen in der Innenraumluft – und gleichzeitig die Stelle, an der sich das am einfachsten steuern lässt. Kennzeichnungssysteme für Verlegewerkstoffe machen diesen Beitrag vergleichbar, sie ersetzen aber nicht die Frage, ob die Schichten zueinander passen.

Woher die Emissionen im Bodenaufbau kommen

Emissionen aus dem Fußboden haben zwei verschiedene Ursachen, und sie verhalten sich unterschiedlich. Primäre Emissionen stammen aus den Werkstoffen selbst: Lösemittelreste, Restmonomere, Hilfsstoffe und Weichmacher, die nach dem Einbau aus Grundierung, Spachtelmasse, Klebstoff und Belag austreten. Sie sind unmittelbar nach dem Einbau am höchsten und nehmen mit der Zeit ab, weil die Quelle endlich ist.

Sekundäre Emissionen entstehen erst im Aufbau, durch Reaktionen zwischen den Schichten. Der bekannteste Fall ist die alkalische Hydrolyse: Liegt ein dichter Belag über einem Untergrund, der noch Feuchte abgibt, staut sich Wasser an der Klebstofffuge. In Verbindung mit dem alkalischen Milieu eines zementgebundenen Untergrunds werden Weichmacher und Klebstoffbestandteile abgebaut, und es entstehen Verbindungen mit deutlichem Geruch, die in der Ausgangsrezeptur nicht enthalten waren. Diese Emissionen nehmen nicht mit der Zeit ab, sondern halten an, solange Feuchte nachströmt.

Dieser Unterschied ist für die Bewertung entscheidend. Ein Produkt mit bester Emissionskennzeichnung verhindert primäre Emissionen, aber keine sekundären. Wenn eine Fläche nach Wochen riecht, ist fast nie der Klebstoff falsch gewählt, sondern die Feuchte im Untergrund war beim Verlegen zu hoch. Wie sich ein solcher Geruch einordnen und eingrenzen lässt, ist gesondert beschrieben (/wissen/schaeden/geruch-aus-dem-fussboden/).

Kennzeichnungen auf dem Eimer und was sie jeweils aussagen

Für Klebstoffe und Spachtelmassen gibt es keine harmonisierte europäische Norm, die eine Emissionsangabe verlangt. Die vergleichbaren Angaben stammen deshalb aus freiwilligen Kennzeichnungssystemen, und diese bewerten unterschiedliche Dinge. Wer sie nebeneinanderlegt, sieht, dass nur ein Teil davon überhaupt von der Innenraumluft spricht.

KennzeichnungWas sie bewertet
EMICODEEmissionen des Verlegewerkstoffs in der Prüfkammer, gestuft von emissionsarm bis sehr emissionsarm
Blauer EngelEmissionen und Inhaltsstoffe des Produkts nach einer eigenen Vergabegrundlage
AgBB-SchemaEinheitliche Bewertung der gemessenen Emissionen von Bauprodukten für den gesundheitlichen Nachweis
GISCODEGefährdung bei der Verarbeitung und die daraus folgenden Schutzmaßnahmen, nicht die Innenraumluft

Drei der vier Angaben sprechen von Emissionen, eine vom Arbeitsschutz. Verwechselt werden sie regelmäßig, weil beide auf demselben Eimer stehen.

Praktisch heißt das: Die Emissionsklasse eines Produkts sagt etwas über seinen Beitrag zur Raumluft, der GISCODE dagegen über Lüftung, Schutzausrüstung und Verarbeitungsbedingungen während der Arbeit. Ein lösemittelfreier Dispersionsklebstoff ist im Regelfall in beiden Hinsichten günstig; ein Reaktionsharzklebstoff kann emissionsarm gekennzeichnet und in der Verarbeitung dennoch deutlich aufwendiger zu handhaben sein. Für die Ausschreibung sind beide Angaben sinnvoll, weil sie verschiedene Fragen beantworten.

Zu beachten ist außerdem, dass die Kennzeichnung für das Produkt gilt, nicht für die eingebaute Menge. Die Emission einer Fläche ergibt sich aus Produkt und Masse: Eine dick aufgezogene Spachtelmasse über die gesamte Geschossfläche bringt mehr Material in den Raum als ein dünn aufgetragener Klebstoff. Deshalb gehören bei Zertifizierungen Mengenangaben zu den Nachweisen und nicht nur Datenblätter.

Wie der Emissionswert entsteht

Gemessen wird nicht am Produkt im Eimer, sondern an einer eingebauten Probe in einer Prüfkammer mit definierter Temperatur, Luftfeuchte und Luftwechselrate. Die Prüfnorm dafür ist DIN EN 16516. Aus der Kammerluft werden die flüchtigen organischen Verbindungen bestimmt und auf einen Modellraum umgerechnet, damit verschiedene Produkte vergleichbar werden. Das AgBB-Schema bewertet diese Messwerte anschließend nach einheitlichen Regeln.

Wichtig für das Verständnis sind die Messzeitpunkte. Bewertet wird nach drei Tagen und nach 28 Tagen, weil beide Werte unterschiedliche Aussagen tragen. Der frühe Wert beschreibt die Belastung für die Arbeitenden und für eine frühe Nutzung, der spätere beschreibt, was dauerhaft aus der Schicht kommt. Ein Produkt kann anfangs deutlich emittieren und nach vier Wochen unauffällig sein – oder umgekehrt eine flache, langsam abfallende Kurve haben. Für ein Gebäude, das kurz nach Fertigstellung bezogen wird, ist der frühe Wert der entscheidende.

Die Prüfkammer beschreibt immer nur das einzelne Produkt unter Laborbedingungen. Sie enthält keinen restfeuchten Untergrund, keine ungelüftete Baustelle und keine Kombination mehrerer Schichten. Genau deshalb ist die Kennzeichnung eine notwendige, aber keine ausreichende Bedingung für eine geruchsfreie Fläche.

Emissionsarm heißt nicht beliebig kombinierbar

Grundierung, Spachtelmasse und Klebstoff bilden ein System, dessen Schichten sich gegenseitig beeinflussen. Die Grundierung stellt ein, wie viel Anmischwasser die Spachtelmasse an den saugenden Estrich verliert; entzieht der Untergrund zu schnell Wasser, erreicht die Spachtelmasse ihre Festigkeit nicht und bleibt oberflächlich weich. Der Klebstoff wiederum reagiert auf die Saugfähigkeit und den pH-Wert der Spachtelschicht, weil davon die Ablüftzeit und der Aufbau der Klebkraft abhängen.

Jede Schicht wirkt auf die nächste: Die Grundierung steuert den Wasserverlust der Spachtelmasse, und der Klebstoff reagiert auf die Feuchte, die von unten nachkommt.
Jede Schicht wirkt auf die nächste: Die Grundierung steuert den Wasserverlust der Spachtelmasse, und der Klebstoff reagiert auf die Feuchte, die von unten nachkommt.

Wird ein einzelnes Produkt aus diesem Verbund ersetzt, gilt die Systemangabe des Herstellers nicht mehr, auch wenn das Ersatzprodukt dieselbe Emissionsklasse trägt. Typische Wechsel und ihre Folgen:

  • Grundierung getauscht: Die Spachtelmasse trocknet anders ab und kann an der Oberfläche kreiden oder sandig bleiben.
  • Spachtelmasse getauscht: Schichtdickenbereich, Festigkeit und Saugfähigkeit ändern sich und damit die Bettung des Klebstoffs.
  • Klebstoff getauscht: Offenzeit, Wassermenge und Haftungsaufbau passen nicht zwangsläufig zum Belag und zur Untergrundsaugfähigkeit.
  • Belag getauscht: Ein diffusionsdichter Belag stellt andere Anforderungen an die Restfeuchte des Untergrunds als ein offener.
  • Zusätzliche Zwischenlage eingebaut: Sie verändert die Feuchteverhältnisse in der Klebstofffuge, ohne dass es an der Oberfläche zu sehen ist.

Das ist kein formales Argument, sondern der Grund für die meisten Ablösungen und Weichstellen. Die Abstimmung von Grundierung und Spachtelung auf den Untergrund ist in einem eigenen Beitrag behandelt (/wissen/oberboden/grundierung-und-spachtelung/).

Lüften nach der Verlegung und der Zeitpunkt der Nutzung

Nach der Verlegung sinkt die Konzentration in der Raumluft nur, wenn Luft ausgetauscht wird. Ein geschlossener Raum sammelt die Emissionen der ersten Tage, und weil die Luftfeuchte gleichzeitig steigt, verzögert sich zusätzlich das Abtrocknen von Klebstoff und Spachtelmasse. Querlüften mit mehreren kurzen, kräftigen Wechseln bringt mehr als ein dauerhaft gekipptes Fenster, weil der Luftaustausch und nicht die Öffnungsdauer zählt.

Während der Offenzeit des Klebstoffs ist Zugluft dagegen nachteilig: Sie lässt die Oberfläche antrocknen, sodass der Belag in eine Haut eingelegt wird und keine Benetzung mehr stattfindet. Die Reihenfolge ist deshalb klar – kein Zug während des Einlegens und des Anwalzens, anschließend regelmäßig lüften. Für die Estrichphase gelten eigene Regeln, weil dort nicht Emissionen, sondern die gleichmäßige Trocknung im Vordergrund steht (/wissen/estrich/lueften-nach-estricharbeiten/).

Aus der Praxis

Wir legen bei Objekten, die kurz nach der Verlegung bezogen werden, das Lüften in den Ablauf und nicht in die Zuständigkeit des Zufalls. In einem Verwaltungsgebäude in Bochum liefen die letzten Belagsflächen und der Umzug in derselben Woche; die Lüftungsanlage stand still, weil die Filter noch nicht gewechselt waren. Wir haben zwei Tage mit Querlüftung über die Fenster eingeschoben – danach war die Fläche unauffällig, und niemand musste über Geruch diskutieren.

Bei mechanisch belüfteten Gebäuden ist die Anlage der wirksamste Hebel. Ein Spülbetrieb mit erhöhtem Außenluftanteil über einige Tage nach Abschluss der Bodenarbeiten senkt die Konzentration deutlich schneller als jede Fensterlüftung, setzt aber voraus, dass die Anlage betriebsbereit ist und die Filter nicht durch Baustaub belegt sind.

Nachweise für Zertifizierungen und die Papiere zur Fläche

Gebäudezertifizierungen bewerten den Innenraum über zwei Wege: über die eingesetzten Produkte und über eine Messung der Raumluft im fertigen Gebäude. Für den ersten Weg werden je Produkt ein Nachweis der Emissionskennzeichnung oder ein Prüfbericht sowie eine Angabe der eingebauten Menge oder Fläche verlangt. Für den zweiten Weg wird nach Fertigstellung und vor Nutzungsbeginn gemessen, nach den Verfahren der Normenreihe DIN ISO 16000.

Für die Bodenarbeiten folgt daraus eine konkrete Dokumentationspflicht während der Ausführung, nicht danach. Zusammenzustellen sind die tatsächlich eingesetzten Produkte mit Bezeichnung, Emissionskennzeichnung und Verbrauch je Fläche, ergänzt um Raumzuordnung. Ein nachträglicher Produktwechsel, der nicht dokumentiert wurde, fällt bei der Zusammenstellung auf und macht die Messung zur einzigen verbleibenden Bewertungsmöglichkeit.

Ebenso wichtig ist die Terminlage der Messung. Gemessen wird in einem Gebäude, in dem alle emittierenden Gewerke abgeschlossen sind; laufen Malerarbeiten oder Möblierung parallel, wird nicht der Bodenaufbau bewertet, sondern die Summe der Baustelle. Eine Messung direkt nach Abschluss der Belagsverlegung liefert deshalb regelmäßig höhere Werte als eine Messung nach der üblichen Abklingzeit, ohne dass sich an der Fläche etwas geändert hat.

Wie wir diese Vorgaben in der Ausführung umsetzen, steht auf der Leistungsseite Estricharbeiten. Für eine erste Abstimmung helfen Projektort, Fläche und Ausführungszeitraum.

Häufige Fragen

Riecht eine Fläche nicht mehr, wenn nur emissionsarme Produkte verwendet werden?

Primäre Emissionen sinken damit deutlich, sekundäre nicht. Entsteht unter einem dichten Belag Feuchte aus dem Untergrund, werden Klebstoffbestandteile abgebaut und es bilden sich Verbindungen, die im Produkt nicht enthalten waren. Der entscheidende Schritt bleibt die Prüfung der Restfeuchte vor dem Belegen.

Was unterscheidet EMICODE vom GISCODE?

EMICODE stuft die Emissionen des Werkstoffs in der Prüfkammer und betrifft die Innenraumluft. Der GISCODE ordnet das Produkt nach der Gefährdung bei der Verarbeitung ein und bestimmt Schutzmaßnahmen auf der Baustelle. Beide Angaben stehen häufig auf demselben Gebinde und beantworten verschiedene Fragen.

Darf ein einzelnes Produkt im Verlegeaufbau ausgetauscht werden?

Technisch möglich ist es, aber die Systemangabe des Herstellers gilt dann nicht mehr, auch wenn die Emissionsklasse gleich bleibt. Kritisch sind vor allem Wechsel bei Grundierung und Spachtelmasse, weil sie Saugverhalten und Festigkeit der Klebefläche verändern. Bei Zertifizierungen ist ein Wechsel zusätzlich zu dokumentieren.

Wann sollte eine Raumluftmessung angesetzt werden?

Erst wenn alle emittierenden Arbeiten abgeschlossen sind und die Räume die üblichen Abklingzeiten hinter sich haben; sonst wird die Summe der Baustelle gemessen und nicht der fertige Ausbau. Bei mechanisch belüfteten Gebäuden sollte die Anlage vorher im Spülbetrieb gelaufen sein. Der Messtermin gehört in den Terminplan, nicht in die Abschlussphase.

Besprechen wir Aufbau, Ausführung und Termin Ihres Projekts.

Schicken Sie uns das Leistungsverzeichnis, den Grundriss oder einfach Fläche und Termin. Wir prüfen Ihre Angaben und klären den nächsten Schritt zur Kalkulation – mit einem Hinweis, wenn am geplanten Aufbau etwas nicht zusammenpasst.